Die Barberina

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Objekt 304

Das kleine goldene Schlösschen duckt sich weg. Es ist ungeliebt, verfallen und atmet nur noch als Hauch die vergangenen Zeiten. Dabei klingt BARBERINA doch so melodisch, so einprägsam. Nach Tanz, Romantik und graziler Schönheit. Vielleicht auch nach Ausgelassenheit.

Bei der Vorstellung kann Herbig nur lachen.

Es bleibt ein kurzes, unkommentiertes Lachen.

Derzeit lebt Manfred Herbig nur 500 m entfernt der Ruine, der BARBERINA. Er ist der ehemalige Gastwirt und Pächter. Lärmend machen sich rote und gelbe Bagger nebenan zu schaffen, unablässig fahren Lastwagen ein und aus. In Altchemnitz/ Reichenhain/ Erfenschlag, wo bis vor einigen Jahren noch das industrielle Herz der Studentenbewegung und Einheimischen schlug, strengt sich die Stadt an, die BARBERINA zu vergessen. Oberhalb des Gebäudes wurden Ingenieurschulen und Universitätsgebäude gebaut, gut abgeschottet und separatisiert von der BARBERINA, die doch einstmals das bestbesuchteste Restaurant der zukünftigen Ingenieure und Doktoranden darstellte. Laut Herbig war die BARBERINA ein sehr guter Absatzmarkt für das Bier der Brauerei Einsiedel. Rund um die BARBERINA wurden Ein- und Mehrfamilienhäuser gebaut, ein Wohngebiet saniert, entstanden Wohn- und Gewerbeparks.. Als Verkehrsknotenpunkt stellt sie die Eisenbahnlinien- und Straßenverbindung von Chemnitz zu den anliegenden Orten dar. Das Objekt sucht der Architektur wegen in Europa seinesgleichen. Es bietet die Chance, einen ganzen Stadtbezirk neu zu erfinden und beträchtliche Wachstumsimpulse für die gesamte Region zu setzen.

Aber Manfred Herbig kann sich nicht freuen. Es habe schon zu viele große Versprechen und Pächter gegeben.

Im 19. Jahrhundert war die BARBERINA ein Haltepunkt für Kutscher, sie nannte sich „Ausspanne“, die Eisenringe zum Befestigen der Pferdezügel sind heute noch an den Simsen der Vorderfront der BARBERINA zu sehen. 32 Rösser hatten Platz in den massiv gebauten, kellerartigen, mit Rundbögen ausgestatteten Gewölben. Sie wurden getränkt, ein Brunnen sorgte für Frischwasser, die Kutscher fanden Unterkunft im 2. Stock.

Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zeit des Baus der Eisenbahnlinie um 1908, gewann diese Gaststätte an zentraler Bedeutung. Von „Marie Ficker’s Erben“ erworben und ausgebaut, mit neu angegliedertem Ballsaal, liebevoll als „Kast’l“ bezeichnet, wurde sie zur Bahnhofsgaststätte Erfenschlag, später Reichenhain, eine Familie Scherzer übernahm die Pacht. Der spektakuläre Ballsaal war mit riesigen Rundbogenfenstern, Eingangsportal, Stuckdecken, angemessenem Interieur, Leuchtern und wunderschönen Säulen ausgestattet. Das einmalige Gebäude zählte als kulturelles Zentrum, die Nähe des Wasserwerksparkes, ein riesiger, angegliederter Hockeyplatz und ein lauschiger Vorgarten, eine geräumige Toreinfahrt unterhalb des Tanzsaales, breit genug für Gespanne, sorgten für Attraktivität und Anziehung. Bis 1939.

Bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges.

Scherzer verlor im Krieg sein Leben, die BARBERINA überlebte und wurde von den Pfauter Werken (zuletzt MODUL) von 1941 bis 1945 gepachtet.

In dieser Zeit diente der Ballsaal als Schlafstatt und Aufenthaltsraum für Ostarbeiter, die für die Pfauter Werke tätig waren. Sämtliche Einrichtung wurde entweder entwendet oder zerstört, nichts ist davon übrig geblieben. Die Stuckarbeiten und Säulen des Ballsaales sind nur noch teilweise erhalten. Und die tragenden Wände.

Das Restaurant wurde belassen und diente als Verwaltungsgebäude.

Nach dem Krieg ging das Objekt an einen gewissen Herrn Suchanek, dem neuen Pächter, dessen Tanzlokal im Zentrum von Chemnitz durch Bomben vollständig zerstört wurde, über.

Er nannte sie von da an BARBERINA. Freija Otto, die Enkelin der Ficker’s, erbte das Objekt.

Ab 1950 übernahmen die BARBERINA Herr Herbig Senior, danach sein Sohn als Pächter. Das Restaurant erlangte die 2. Blüte als Anlaufpunkt für die anliegenden Bewohner, internationalen Studenten und Arbeiter.

Ende der 60iger Jahre übergab Frau Otto als Besitzerin die Verwaltung an die GGG. Es wurden keine Sanierungsgelder bewilligt. Sie verstarb 1982 unter tragischen Umständen.

Der Ballsaal siechte dahin. Er diente 1950 als Werkstatt für eine Fahrrad- und Handwagenfabrik der Fa. Leibel, wurde vermietet als Lagerraum für den Strickmaschinenbau. Der Abraum, der durch die Erbauung der Universität gleich gegenüber entstand, wurde zum Auffüllen des Hockeyplatzes benutzt, die Toreinfahrt mit ihrem wunderschönen kleinformatigen Steinkopfpflaster fast verschüttet. Mehrmals noch wechselten die Pächter, alle mit dem Versprechen, die BARBERINA zu sanieren.

Bis 1978 konnte sich die BARBERINA als Gaststätte noch halten, seitdem steht sie leer. Selbst als Lagerraum war sie durch Baufälligkeit und mangelnde Pflege nicht mehr zu gebrauchen. Das Objekt, samt Ballsaal wurde 1977/78 an den Heizungs- und Rohrleitungsbau verkauft, es erging das Versprechen der Stadt, der Abteilung für Handel und Versorgung, die BARBERINA zu erhalten und zu sanieren... danach wurde sie an die Fa. TGA, Wasserwirtschaft, Farbengroßhandel etc. etc. verkauft, vermietet, verpachtet und verraten. Der jetzige Eigentümer ist mir nicht bekannt.

Herbig steht vor seinem kleinen Haus. Dass die Immobilie vielleicht bald mehr wert ist, interessiert ihn nicht, denn die BARBERINA könnte vor allem mehr Umsatz, Steuergelder und Attraktivität nach Chemnitz bringen. Und eine Sanierung würde die Einmaligkeit dieses Objektes mit seiner Geschichtsträchtigkeit gewährleisten.

BENita mARTin ada-dimensionsmalerei.de

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